Stress lass nach!

Heute möchte ich gerne über Stress schreiben, weil es ein Thema ist, das mir immer wieder begegnet und aus der eigenen Vergangenheit sehr gut bekannt ist.

 

Stress ist heutzutage leider schon gesellschaftsfähig geworden. In der Geschäftswelt gehört er zum Programm, in Schulen hält er mehr und mehr Einzug und bei Müttern gehört er auch dazu.

 

Ist Stress überhaupt etwas Schlechtes?

 

Nicht unbedingt. Es gibt den sog. Eustress, der durchaus als nützlicher Motor dienen kann und bei Menschen, die „vor Begeisterung sprühen“ einfach dazu gehört. Es ist die positive Aufregung vor einer Geburt oder einer schönen Reise.

 

Schwierig ist es mit dem sog. Distress. Das ist eine negative Anspannung im Körper, die entsteht, wenn man zu viel zu lange unter innerem Druck steht. Er wird häufig erst bemerkt, wenn Gefühle der Überforderung, Erschöpfung oder körperliche Symptome wie z.B. Schwindel, Tinnitus, Kopfweh, Schlafstörungen etc. auftreten.

 

Unser Körper reagiert auf Stress mit der Ausschüttung von Adrenalin, das eine Form von „Alarm“ auslöst und ein internes Notprogramm startet. Alle Reserven werden mobilisiert, um die Situation zu bewältigen. Es ist ein Überlebensmechanismus, der uns aus längst vergangenen Zeiten erhalten geblieben ist. Dauert dieses Programm zu lange an, so wird es schädlich für den Körper, der diese Dauerspannung nicht abbauen kann. Bewegung hilft zwar, die im Blut nachweisbaren Stresshormone abzubauen, aber gegen den inneren Stress ist das nur eine vorübergehende Symptombekämpfung.

 

Eine gewisse Zeit kann unser Körper das aushalten, dann meldet er sich langsam mit den oben beschriebenen Symptomen, die bei Nichtbeachtung bis zum sog. Burn-out führen können. Eindrückliche Statistiken berichten darüber, wie stark unsere Gesellschaft davon geprägt ist.

 

Warum haben gerade Mütter Stress?

 

Zum einen ist es nicht gerade einfach, permanent im Einsatz zu sein und alles was das Muttersein so mit sich bringt, zu verkraften. Zum anderen ist es das eigene – oft unbewusste – Anspruchsdenken, das für innere Spannung sorgt.

 

Fast jede Mutter will nur das Beste für ihr Kind und möchte es richtig und gut machen. Aber was ist das Beste?

 

Viele Frauen sind sich nicht darüber bewusst, dass sie selbst anhand von erlernten und äusseren Massstäben definieren, was eine gute Mutter ausmacht, sie dem hinterher eifern und sich ständig im Vergleich mit anderen Müttern richten.

 

Familiäre und gesellschaftlich normierte Ansprüche werden übernommen und integriert. Die (unbewussten) eigenen Wertevorstellungen werden zum Antrieb des Strampelns im Hamsterrad, aus dem man scheinbar selbst nicht so einfach wieder herausfindet.

 

Sie setzen sich damit unter grossen Druck. Gedeihen und Verhalten der eigenen Kinder werden zum Gradmesser für gesellschaftliche Anerkennung und ob Mama zufrieden mit sich ist oder nicht. Das Muttersein findet aufopferungsvoll zwischen den Herausforderungen des täglichen Wahnsinns, gesteuert von (oft unbewussten) Verhaltens- und Reaktionsmustern statt. Unter Perfektionsdruck, normierten Vorstellungen, angelernten Verhaltensweisen, Gesellschaftszwängen etc. funktioniert Frau einfach und versucht, irgendwie doch noch selbst zu leben und glücklich zu sein. Meist stellt sie dann fest, dass es scheinbar nur funktioniert, wenn sie bereit ist, eigene Träume und Wünsche aufzugeben… Das ist fatal, denn der (verdrängte) Frust darüber sorgt für zusätzlichen Stress.

 

Die meisten reden aus Scham nicht darüber, wahren den Schein der (fast) perfekten Familienmanagerin und fressen Stress, Frust und Unzufriedenheit in sich hinein. Das ist unheimlich anstrengend und macht wiederum noch mehr Stress.

 

Es ist deshalb kein Wunder, weshalb Depressionen, Burn-outs bei Müttern und Scheidungsraten stetig zunehmen. Auch Nervenzusammenbrüche sind leider keine Seltenheit. Sie sind ein eindeutiges Ergebnis dieses Drucks. Krankenkassen, Kliniken und Presse berichten in eindrücklichen Zahlen darüber.

 

In der Wirtschaft nimmt man sich in solchen Fällen einen Coach. Warum tun sich Mütter schwer damit?

 

Es scheint wie eine Niederlage, ein Versagen… zuzugeben, dass man sich überfordert fühlt. Andere scheinen das alles mit Leichtigkeit zu meistern, dann muss es ja schliesslich auch bei mir irgendwie gehen! Wie es bei den sogenannten „anderen“ im tiefsten Inneren aussieht, wissen wir jedoch nicht. Da brodelt und bohrt es genauso oder ähnlich. Weil das selten jemand zugibt, sehen wir nur den äusseren Schein, den wir selbst mit unserer Charade auch erzeugen.

 

Es zeugt von Grösse, Schwäche zu zeigen; Hilfe zu suchen und auch anzunehmen. Wir sind alle nur Menschen und niemand ist perfekt.

 

Was kann ich als Mutter tun, wenn ich Stress habe?

 

· Ehrliche Reflektion

 

Es ist sehr wichtig, sich ehrlich einzugestehen, ob man sich gestresst fühlt und darunter leidet. Es bringt überhaupt nichts, so zu tun als ob alles in Ordnung ist, mit voller Überzeugung gewollte Wahrheiten zu verbreiten und wie eine Löwin zu verteidigen. Das ist lediglich eine Verdrängungsstrategie und Ausdruck dessen, „richtig“ sein und es allen recht machen zu wollen. Wir tun dies, um Anerkennung zu bekommen, letztendlich entstammend aus einem Grundbedürfnis eines jeden Menschen - seinem Streben nach Liebe.

 

„Wenn ich es so mache, wie alle, dann werde ich anerkannt“ = geliebt.“ Es ist wie eine unbewusste Sucht. So lange man diese Sucht weiter bedient, gibt es Stagnation, d.h. keine Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln, sich zu entfalten und am Ende glücklich und zufrieden zu sein oder überhaupt an der Situation etwas zu verändern.

 

· Sich täglich bewusst etwas Zeit für sich nehmen

 

Es kling banal, ist aber enorm wichtig, sich selbst und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Nur wenn Mama gut für sich sorgt, hat sie genug Kraft für all ihre täglichen Herausforderungen. Man kann nur aus dem Vollen schöpfen, sonst erschöpft der Alltag. Niemand sorgt für uns, wenn wir das selbst nicht tun. Das ist nicht egoistisch, sondern lebensnotwendig.

 

· Regelmässig abschalten

 

Auch wenn es auch nur für kurze Zeit ist, so ist es doch sehr wichtig, einmal innerlich zur Ruhe zu kommen und sich ganz auf sich zu konzentrieren. Das können ganz kleine Dinge sein wie z.B. ein kurzer Waldspaziergang alleine oder 10 Minuten Meditation am Abend. Neben verschiedenen Entspannungsübungen, Yoga, Meditationen etc. gibt es ganz individuelle Möglichkeiten, ein tägliches Entspannungsprogramm in den Alltag einzubauen. Wichtig ist, dass es keinen zusätzlichen Stress erzeugt.

 

· Ausmisten

 

Eine ehrliche Reflektion des Alltagsprogramms und die Reduktion auf das Nötigste sind manchmal sehr hilfreich, um zu bemerken, dass es auch geht. Was ist wirklich wichtig und was entspringt dem eigenen Perfektionismus-Drang?

 

· Hilfe annehmen

 

Die meisten Mütter wünschen sich zwar Hilfe, sind aber denkbar schlecht darin, sie zu organisieren („…geht ja nicht, weil…“) und anzunehmen. Es ist für die eigene Gesundheit sehr wichtig, für einen Ausgleich zu sorgen und sich Zeit zum Auftanken zu nehmen. Selbst wenn es finanziell nicht möglich ist, so gibt es Möglichkeiten in der Nachbarschaft oder im sonstigen sozialen Umfeld?

 

Es ist natürlich nicht Mama… und „…ehe ich meinem Mann erklärt habe, was er machen muss…“ sind Gedanken, die uns zeigen, wieviel Wert wir uns selbst geben. Natürlich ist die Nachbarin nicht Mama und der Mann regelt die Dinge auf seine Weise, aber unsere Kinder werden es überleben und daran wachsen. Es sind wertvolle Erfahrungen für sie. Um sich selbst entfalten zu können, brauchen sie Mütter, die auch mal loslassen und ihnen zeigen können, wie „Vertrauen“ geht.

 

· Liebevoll zu sich selbst sein

 

Am liebevoll gekochten Essen wird gemäkelt… die Sachen fliegen durch die Gegend… niemand sagt „danke“ für die sauberen Hosen… Eine Mama muss ein dickes Fell haben, um bei all dem gelassen und gut gelaunt zu bleiben. Das gelingt mit einer ordentlichen Portion „Selbstliebe“. Sich selbst die Anerkennung zu geben, die es braucht; zu wissen, dass man es so gut wie möglich macht; sich Fehler liebevoll verzeihen und Dinge nicht machen, die nicht gut tun… Was Selbstliebe alles bedeutet, ist ein grosses Thema, über das ich noch separat schreiben werde.

 

Ich wünsche Euch eine stressfreie Zeit und viel Liebe für Euch selbst!