Ich liebe mich, ich lieb mich nicht...

Hätte mich früher jemand gefragt, ob ich mich selbst liebe, so hätte ich ohne mit der Wimper zu zucken „ja“ gesagt. Mein „mich-selbst-lieben“ bezog sich darauf, schöne und angenehme Dinge für mich zu tun, mir etwas zu gönnen, Karriere zu machen und gesellschaftliche Statuspunkte zu sammeln...wegen der Anerkennung, die ich so sehr brauchte...

 

Wie so viele Menschen wusste ich gar nicht wirklich, was Selbstliebe eigentlich bedeutet. Das Leben hat es mich gelehrt und tut es noch immer.

 

Selbstliebe wird oft etwas schief beäugt, weil sie mit Egoismus verwechselt wird. Und wer will schon egoistisch sein?!

 

Egoismus ist eine Kopf-gesteuerte Sicht auf sich selbst, gefärbt durch Illusionen, Wünsche, Sehnsüchte und ein entsprechendes Verhalten.

 

Selbstliebe hingegen ist eine Herz-zentrierte wertfreie Wahrnehmung von sich selbst, in der alles Platz hat, was zu uns gehört, egal welche Farbe und Form es hat. Sie basiert auf einem bedingungslosen Annehmen aller Facetten von uns.

 

Das ist scheinbar einfach, aber tatsächlich ziemlich anspruchsvoll. Unsere Erfahrung hat uns ein Wertemuster gelehrt, das wir unbewusst auf uns selbst legen und danach aussortieren, was gut/schlecht, gewollt/ungewollt, anerkannt/nicht akzeptiert wird. Die Eigenschaften, für die wir Belohnung/Anerkennung geerntet haben, nehmen wir gerne an. Haben wir jedoch schlechte Erfahrungen im Zusammenhang mit einer bestimmten Verhaltensweise oder Eigenheit gemacht, so tendieren wir dazu, sie zu verändern, anzupassen oder zu unterdrücken.

 

Wirkliche Selbstliebe funktioniert nur, wenn wir aufhören, uns selbst zu bewerten. So lange wir das tun, sortieren wir Teile von uns unbewusst aus und verstümmeln uns damit förmlich. Alles an uns hat seine Berechtigung und nur mit allem was uns ausmacht, sind wir glücklich und fühlen uns „ganz“.

 

Auf der bewussten Ebene kommen wir mit diesen Erkenntnissen gut voran. Schwieriger ist es mit dem, was darunter liegt. Unser Geist ist ziemlich trickreich und blendet unbewusste Ebenen aus, auf denen wir uns selbst bewerten – weil sie mit Schmerz oder Scham verbunden sind (Dinge/Erlebnisse, die wir in uns verdrängen), wir bereits wissen, dass wir uns eigentlich nicht bewerten sollten, wir das gar nicht wollen oder auch die Bewertung wiederum bewerten.

 

Wie aber finden wir heraus, ob und wie wir uns selbst unbewusst bewerten?

 

Wir bewerten uns selbst, wenn wir andere bewerten. Dort dürfen wir hinschauen und uns selbst auf die Schliche kommen.

 

Was uns an anderen stört, ist das, was deren Verhalten/Auftritt/Gebaren mit uns macht. Wie sich ein anderer Mensch verhält, ist Seins; wie ich darauf reagiere, ist Meins. Unangenehme Gefühle in uns entstehen, wenn das Verhalten anderer Menschen auf einen unserer „wunden“ Punkte oder eine „Schattenseite“ trifft. Es ist eine Resonanz, die uns das aufzeigt, was wir an uns selbst unterdrücken. Es ist also das Eigene, was unsere Emotionen in diesen gewissen Momenten so hoch schlagen lässt. Da es einfacher ist, diese Gefühle auf den zu projizieren, der sie getriggert hat, sind wir wütend auf unser Gegenüber. Er/sie ist „schuld“, dass wir uns so fühlen.

 

Das eine ist das Symptom, das andere die Ursache.

 

Erst wenn wir beginnen, zu verstehen, was hinter einem solchen Ablauf steckt; die Ursache der eigenen Verletzung dahinter erkennen, können wir sie „heilen“. Das geschieht durch das Annehmen dessen, was bei uns „dahinter“ liegt.

 

Was dadurch passiert, ist etwas Zauberhaftes. Wir lernen uns selbst, immer mehr anzunehmen, werden wirklich wahrhaftig, wachsen in unsere Kraft und Eigenverantwortung. Unser Umfeld reagiert auf einen solchen Prozess, indem sich Konflikte entspannen und uns immer weniger Triggerpunkte begegnen. Das heisst nicht, dass wir gleichgültig werden; aus dem Verstehen und Fühlen heraus kommen wir immer mehr in einen inneren Frieden, der zufrieden macht.

 

Bei aller Achtsamkeit wird es uns vielleicht manchmal nicht gelingen, andere nicht zu bewerten und zu ver/beurteilen. Wenn die Emotionen sehr hoch schlagen, sind wir manchmal einfach blind vor Wut, Verletzung, Scham etc. Dann ist es wichtig, sich selbst zu vergeben; liebevoll mit sich selbst umzugehen; wie mit einem Kind, das lernt… denn auch tief in uns steckt ein Kind, das manchmal einfach nur in den Arm genommen werden möchte und Trost sucht.

 

Es ist manchmal eine lebenslange Schule, die sich lohnt und durch die wir belohnt werden, mit jedem Schritt, den wir gehen. Wir wachsen damit in die Selbstliebe.

 

Wenn wir uns wahrhaftig selbst lieben, geben wir uns selbst den Wert und die Anerkennung, die wir brauchen. Wir sind nicht mehr davon abhängig, was andere über uns denken oder sagen. Das macht innerlich frei und wir finden das, wonach wir uns so sehnen... denn unser Aussen ist ein permanenter Spiegel für uns, ob wir uns tief empfunden und echt selbst lieben.