Wutprobe

Ein Geschenk für ein anderes Kind, das meine Tochter auch wollte, aber nicht bekam...ohrenbetäubendes Wutgeschrei...

 

Ich bleibe ganz ruhig, gebe ihr den Raum, alles rauszulassen und das Gefühl, dass ich sie trotzdem liebe. Geschlagene 20 Minuten brüllt und tobt sie wie eine Verrückte. Ich halte es aus, fühle mich innerlich stark, klar und gelassen. Ich kann liebevoll bei ihr bleiben bis es vorbei ist. Als sie alles aus sich heraus gebrüllt hat, fühlt sie sich sichtlich erleichtert. Sie entschuldigt sich und schligt ihre Arme um meinen Hals.

Als sie zufrieden spielt, habe ich ein paar Minuten für mich. Ich denke zurück an die Zeit vor 4 Jahren...

Ihre Wutausbrüche waren schon damals sehr heftig. Ich konnte es kaum aushalten. Äusserlich blieb ich zwar oft ruhig, aber innerlich verunsicherte mich ihr Verhalten sehr. Obwohl ich viel über die sog. Trotzphase wusste, hatte ich in solchen Situationen das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben oder ich explodierte selbst. Vom Kopf her verstand ich, dass solche Ausbrüche wichtig und ganz normal für das Kind sind, um sich abzugrenzen und als Individuum zu begreifen; aber meine Gefühle liessen sich nicht kontrollieren.

 

Ich lenkte meine Tochter oft von ihrer Wut ab und war erleichtert, wenn es gelang. Eine Freundin sagte in einer solchen Situation mal zu mir "Toll, wie Du das machst. Ich hätte nur Bedenkenken, dass es dann später kommt...". Sie hatte Recht. Indem ich meiner Tochter ihre Wut nicht zugestand, konnte sie sie nicht heraus lassen. Sie staute die Wut in sich und sie kommt deshalb nun um so heftiger.

 

Vielleicht kennst auch Du Situationen, in denen - wegen scheinbaren Kleinigkeiten - eine grenzenlose Wut aus Dir heraus platzt?

 

Intensive Gefühle sind dazu da, gefühlt zu werden. Sie sind sehr wichtig für unsere psychosoziale Entwicklung. Bekommen sie keinen Raum, werden sie ins Unterbewusstsein verdrängt und steuern von dort aus unbemerkt unser Verhalten, unter Umständen ein Leben lang. Sie beeinflussen unsere Persönlichkeit und die Beziehungen zu anderen Menschen. Wir sind ihnen jedoch nicht hilflos ausgesetzt, sondern können lernen, damit umzugehen und sie als wichtige Wegweiser zu uns selbst zu erkennen. Wenn wir einen gesunden Umgang mit unseren Gefühlen finden, müssen sie auch nicht mehr zerstörerisch herausplatzen.

 

Den Umgang mit Gefühlen lernen Kinder von ihren Eltern. Was wir vorleben, bestimmt das Verhalten unserer Kinder. Deshalb ist es enorm wichtig, Eigenverantwortung zu übernehmen und genau hinzusehen. Das Beste, was man in Gefühlsdingen für seine Kinder tun kann, ist, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden, sie zuzulassen und anzunehmen. Es ist ein wichtiger Schritt in Richtung Eigenverantwortung. Deine Gefühle gehören zu Dir und wollen angesehen werden. Sie bringen Dir wichtige Botschaften und helfen Dir auf Deinem Weg.

 

Die Wut Deines Kindes gehört zu Deinem Kind, wenn sie keine innere Resonanz bei Dir verursacht. Zu verstehen, was wohin gehört, schafft Klarheit, Erleichterung und gibt Kraft, konstruktiv mit der Situation umzugehen.

 

Wenn die Wut meiner Tochter nun kommt, schaue ich ehrlich hin. Wenn ich innerlich ruhig bleiben kann, weiss ich, dass ihre Wut nichts mit mir zu tun hat. Ich kann ihr den Raum geben, ihre Gefühle heraus zu lassen und ihr helfen, damit umzugehen. Das tut ihr gut und unterstützt sie in ihrer Entwicklung. Wenn mich ihre Wut anstachelt, weiss ich, dass sie mir eine innerliche Baustelle aufzeigt. Unendlich viele Male durfte ich erleben, wie befreiend es ist, eine solche Baustelle zu erkennen und zu "heilen".

 

 

 

 

 

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